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Psychophysiognomik und Kallisophie

Die Schwarzen und die Roten

(Dezember 1899)
von Carl Huter

Es gibt im lieben deutschen Vaterland zwei Arten von Menschen. Sie sind unter den Stichworten "die Schwarzen" und "die Roten" bekannt.

Zu der ersten Sorte Menschen zählt man diejenigen, welche aus alten weltmächtigen Dummheiten ein Geschäft machen oder von denselben so stark eingenommen sind, dass kein Lichtschein einer neuen Erkenntnis in ihr Inneres dringen kann.

Diese Leute sind, so lange sie sich einer neuen Bewegung gegenüber passiv verhalten, schadlos für dieselbe. Treten sie aber als aktive Gegner das Neue auf, so kennzeichnen sie sich durch eine niedrige Gesinnung, Kleinlichkeit, List und Ranküne. Sie können eine hohe Gefahr für unsere neue Bewegung sein.

Es wäre nun eine Torheit, wollte man eine bestimmte Partei oder Kirche mit dem Namen "die Schwarzen" bezeichnen. In unzutreffender Weise geschieht das oft gegenüber dem katholischen Ultramontanismus oder der orthodoxen evangelischen Theologie und ihrem Anhang. Unter den streng gläubigen Katholiken und Protestanten und ihren Predigern und Führern gibt es ebenso viele edle und freidenkende Menschen wie in der Konservativen und ultramontanen Partei (Zentrum). Diese edlen Naturen sind es gerade, welche ihrer Richtung den ethischen Halt geben. Sie befleißigen sich, alle guten Fortschritte und Neuerungen ihren politischen oder religiösem Korporationen vertraut zu machen. Dadurch bewirken sie eine allmähliche Reformation in deren Glaubens- und Ideenwelt. Aus Treue für das Althergebrachte und Überlieferte vollbringen sie dieses Liebeswerk. Sie können keinen anderen Weg mit ihrem Gewissen vereinbaren. Sie alle sind unsere liebsten Gönner und Freunde. Sie wirken im Stillen und Verborgenen für unsere Ideen zum Wohle ihrer Gesinnungsgenossen.

Aber es gibt auch Menschen in diesen Kreisen, die bösartig, verblendet und fanatisch sind. Sie richten sich gegen alles Gute, das nicht den Stempel der mehrtausendjährigen Vergangenheit trägt. Solche Menschen gibt es in ähnlicher Art auch unter allen andern Parteien, Religionen und unter den Vertretern der Wissenschaft. Sie finden sich beispielsweise unter den Vertretern der orthodoxen Medizinlehren, unter den Vertretern der Rassenpolitiker, unter den Vertretern althergebrachter Gewerbe- und Ackerbaubetriebe und Arbeitstraditionen. Sie alle wollen wir in unserem Sinne als "die Schwarzen" verstehen. Sie schwärzen sich und ihre Gleichgesinnten durch den Stillstand ihrer geistigen Entwicklung. Sie schwärzen alles Gute und Neue durch lügenhafte Verleumdung und listige Schadenfreude, wo und wie sie nur können. Vor solchen Schwarzen hütet euch!

Aber es gibt eine noch schlimmere Sorte Menschen. Man nennt sie "die Roten".

Gewöhnlich werden als "die Roten" die Anhänger einer revolutionären Partei oder der Sozialdemokratie verstanden.

Wir möchten das nie und nimmer so auffassen.

Die Freiheitskämpfer von 1848 waren meist wahre Helden und edle Menschenfreunde, die ein Denkmal für ewige Zeiten verdient haben. Und unter den sozialdemokratischen Parteiangehörigen gibt es Leute mit hochherziger Gesinnung. Sie haben sich aus ethischen Gründen und geistigem Freiheitsdrang dieser Bewegung angeschlossen. Sie leben im guten Glauben, dadurch bessere und vor allem gerechtere menschliche einrichtungen zu fördern sowie Armen und Unterdrückten zu helfen. Diese Art von Menschen schätzen wir sehr. Sie freuen sich auch über die Bereicherung ihres Wissens, die wir ihnen bieten.

Aber es gibt eine weitere Art Menschen, die wir als "die Roten" bezeichnen. Es sind dies Personen, die alles, was nicht in ihren Kram bzw. ihre materialistische Ideologie passt, bekämpfen und verächtlich machen. Sie sind Feind jeder neuen Bewegung, überhaupt alles Neuen, sei diese politischer, religiöser, wissenschaftlicher, künstlerischer oder gewerkschaftlicher Art.

Diese Sorte Menschen frönt meist dem Alkohol (oder anderen Drogen). Sie besitzt keine Ethik, keine Treue und keine idealen Leitprinzipien. Ideale Leitprinzipien in Anknüpfung an historische Glaubens- und Sittenüberlieferungen sind bei "den Schwarzen" teilweise noch zu finden. "Die Roten" aber haben keine Ideale und besitzen kein Gemütsleben mehr. Dabei diskutieren und kritisieren sie alles mit einem mephistohaften, intriganten Sinn der Verneinung. Sie sind die Jakobiner unserer heutigen Zeit. Sie haben sich eine furchtbare Macht angeeignet. Sie sind die Schreckensmenschen der Gegenwart und der Zukunft. Sie untergraben jedes sittliche Gefühl und hemmen jeden ethischen Fortschritt. Äußerlich zügelt sie nur noch das Gesetz, das öffentliche Anstandsgefühl und die Eitelkeit einigermaßen. Innerlich sind sie so verrottet und moralisch verkommen, dass uns allemal ein Entsetzen beschleicht, wenn wir mit ihnen in Berührung kommen.

Müssten wir wählen zwischen diesen beiden Übeln, so würden wir uns lieber für "die Schwarzen" als für "die Roten" entscheiden.

Unsere Farbe aber sei Weiß, und die Weisheit unserer Lehre mache diese beiden Gegner, "die Schwarzen" und "die Roten" immer mehr zum indifferenten Grau, oder zum malerischen Bunt durch Belehrung und Bekehrung.

Copyright by Fritz Aerni, Carl-Huter-Verlag Zürich, 2008.