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Psychophysiognomik und Kallisophie

Die Verleumdungsseuche

von Carl Huter verfasst, veröffentlicht im Juli 1900.

Es ist freilich kein erfreuliches Kapitel, das in den nachstehenden Zeilen zur Erörterung gelangen soll. Es dürfte aber doch angebracht sein, demselben einige Worte zu widmen, umsomehr, da das Übel, um welches es sich hier handelt, von vornherein zu wenig beachtet wird und es mit dem Schutz des Einzelnen gegen dieses Übel ziemlich stiefmütterlich bestellt ist.

Wir hören viele Klagen über Brutalität, Roheit und Gewalttaten. Der Gesetzgeber denkt an schärfere Massnahmen, der Richter lässt eine strengere Bestrafung der Schuldigen eintreten, um allen verrohten Gemütern ein heilsames Beispiel zu geben.

Man hört heute auch viele Klagen über die Verleumdungssucht, aber man hört wenig von den Schritten, die darauf abzielen, Verleumdern das Handwerk zu legen.

Die böse Nachrede ist ein schlimmes Ding, gegen welches der Einzelne sich nur schwer schützen kann. Um so entschiedener müssten die strafgesetzlichen Bestimmungen Anwendung finden, -- nicht einmal, immer wieder von neuem, denn man hat es nicht mit einigen wenigen Verleumdern zu tun, sondern mit einer Verleumdungsseuche.

Die Urheber von Verleumdungen sind sich oft sogar der verhängnisvollen Tat bewusst, die sie begehen. Es ist dies ein Umstand, der in trauriger Weise kennzeichnet, wie weit die Dinge schon gediehen sind. 

Der Reiche wie der Arme hat ein gleich hohes Gut, das er sorgfältig wahren muss, es ist der gute Ruf der Ehrlichkeit. Wem der gute Ruf, der ehrliche Name verloren geht, der verliert an Achtung bei den Mitmenschen.

Wer seinen guten Ruf durch ein frevelhaftes Selbstverschulden verlor, bei dem muss jedes Mitleid, das sonst nicht so leicht ersterben soll, verstummen. Ein jeder ruht, wie er sich gebettet hat.

Anders ist die Sache, wenn die Verleumdung erwächst aus Hass, aus Neid, aus Rachsucht oder gar aus jener kleinlichen Gesinnung, die ihre Freude darin finden, einem anderen, der glücklich und zufrieden zu sein scheint, etwas anzuhängen.

Verleumdungen aus niedrigen Beweggründen sind nur zu häufig. Was ursprünglich vielleicht nur eine geringe, unbewusste Entstellung einer an sich geringfügigen und nicht des Erörterns werten Tatsache war, wird später im rechten Munde zu einer Ehrabschneidung. Dass eine solche mit Äußerungen des Bedauerns, heuchlerischer Teilnahme, scheinbarem Unglauben weiter verbreitet wird, ändert an der Tatsache nichts.

Das Wort, das dem Mund entflohen ist, gleicht, wenn es einen Mitmenschen herabzusetzen, der Verachtung preiszugeben geeignet ist, einem vergifteten Pfeil, durch welchen auch die kleinste Wunde tötet. Auch das verleumderische Wort tötet den guten Namen und manches Familienglück.

Das verleumderische Unheil kommt wie ein Dieb in der Nacht. Es trifft Ahnungslose, die an keine solche Gefahr denken. Zuweilen gelingt es persönlichem energischen Auftreten, von vornherein dem Giftpfeil der Verleumdung die Spitze zu brechen.

Häufig sind die Fälle, in denen die Verleumdung unsägliches Unheil schafft, noch häufiger sind die Fälle, in welchen ein Schatten über dem guten Ruf des Verleumdeten bleibt.

Der Verleumder ist also kein geringerer Schurke als der Verbrecher gegen das Eigentum. Gestohlenes Gut ist schwer zu ersetzen, nicht weniger der gestohlene gute Ruf. 

Leider werden die wenigsten Verleumder zur Rechenschaft gezogen. Wer als ehrlicher Mensch seinen Beruf ausübt, geht nicht gerne vor Gericht, vor allem dann nicht, wenn es sich um persönliche Angelegenheiten handelt. Daher ist es sehr schwer, den wahren Verleumder zu erwischen. Die Verleumdung geht von Mund zu Mund. Aber von wem ging sie aus? Auch wenn der Beleidigte getroffen ist viele persönliche oder geschäftliche Nachteile erlitten hat, tut er meist den Schritt nicht, den Verleumder dem Richter zu übergeben. 

Das Strafgesetzbuch bestraft schärfer solche Verleumder, welche wider besseres Wissen die Verleumdung weiter verbreitet haben. Es lässt aber auch den nicht frei ausgehen, welcher aus unwürdigem Behagen an solchem Klatsch aus Schadenfreude, aus boshaftem Neid und aus andern Gründen sich zum Träger der Beleidigung aufgeworfen hat.

Besonders häufig greift die Verleumdung in den sozialen Wirren unserer Tage Platz. Es kommt auch in den angesehensten Familien vor, sich Familienmitglieder übel beleumden. Unter Verleugnung des eigentlichen Zwecks, aus bloßem Neid verleumden sie, so dass nur Nachteile und ungesunde Zustände herbeigeführt werden. Hier vor allem sollten die Ursache und die Folgen des Übels auf Grund von Tatsachen und gründlich, nicht nach dem Hörensagen, verleumderische Unwahrheiten und Lügen beurteilt werden.

Wenn in kleineren Versammlungen von Menschen und in Familien keine gesunden Zustände geschaffen werden können, dann wird dies erst recht im Staat nicht möglich sein. Der Staat, der aus Millionen von Familien und Einzelmenschen besteht, hat es unter solchen Umständen schwer aus Zufriedenheit und Wohlergehen unter den Staatsbürgern zu wahren und zu fördern und damit gegen auf Anarchie und Nihilismus hinauslaufende Schäden mit Erfolg einzuschreiten und sie im Keime zu ersticken.

Copyright by Fritz Aerni, Carl-Huter-Verlag Zürich, 2008.