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Psychophysiognomik und Kallisophie

Gustav Nagel und Prof. Dr. med. F. Jolly

(Februar 1902)

von Carl Huter. In der Februar-Ausgabe des Jahres 1902 der Zeitschrift «Die Hochwart» ist der folgende Artikel von Carl Huter über den Naturmenschen Nagel und dessen Beurteilung durch den Berliner Psychiatrie-Professor Friedrich Jolly veröffentlicht worden. Carl Huter erwiderte Jollys «Diagnose», die Nagel als Geisteskranken darstellte, ihn ausgrenzte und der Lächerlichkeit preisgab, ungewöhnlich energisch. Nagel tanzte zwar wortwörtlich aus der Reihe. Er entsprach nicht der Norm, wenn man darunter den Durchschnitt versteht. War es aber nötig, ihn als kranken Spinner darzustellen? Welche Geisteshaltung steht hinter solchem Tun? Carl Huters abschließende Stellungnahme ist gibt in markanter Weise seine eigene Stellung zu verschiedenen gesellschaftlichen Fragen kund. Angesichts der um 1900 deutlich erkennbaren überheblichen, intoleranten und gleichzeitig Menschen gering oder nichtswürdig schätzenden Entwicklung an Universitäten, in der Wirtschaft und in der Politik, die schon bald groteske Formen annahm, hebt sich seine Stellungnahme wohltuend ab. Aus der Verbindung von Überheblichkeit mit einer Unter- und Geringschätzung anderer ging der Erste Weltkrieg hervor, entstanden die Vertreibung jüdischer Gelehrter und Studenten von den deutschen Hochschulen, vorab von der Humboldt-Universität Berlin, sowie die Vertreibung politischer Gegner des Nationalsozialismus und schließlich die Euthanasie- und Vernichtungsprogramme. Angesichts dieser schon bald nach Huters Tod im Dezember 1912 eingetretenen Ereignisse erscheint seine energische Kritik mehr als berechtigt.

Carl Huter spricht im Folgenden vom 20. Jahrhundert als dem unmenschlichen Jahrhundert. Dabei hat er gerade eine Dekade dieses Jahrhunderts erlebt. Er rechnete auch mit dem, was sich zu seiner Zeit anbahnte. So schrieb er im Jahre 1905: «Gewaltige Kriege heben an, die Zukunft zu verdunkeln, alle Kulturvölker stehen eisenstarrend in Waffen. Ein Menschenschlachten, ein Opfern, ein Ringen zwischen Völkern, Rassen und Natio­nen wird die nächste Zeit bringen.»

 

Von Zeit zu Zeit geht durch die Blätter eine Notiz, worin von einem Naturmenschen Gustav Nagel die Rede ist, der sich fürchterlich lächerlich und absonderlich aufgeführt haben soll, indem er Winter und Sommer nur einen Schurz trägt und sonst nackt und ohne Kleider umhergeht. Dazu trägt er langes Haar, lebt von rohen Früchten, trinkt klares Wasser und wohnt in einer einfachen Hütte im Wald in freier Natur. Mit einer sensationellen Lüsternheit und albernen Geringschätzigkeit wird dieses natur- und wahrheitsliebende Menschenkind besprochen, und nun hat sich auch ein Berliner Professor herbeigelassen, seinen Ruhm zu erhöhen, indem er, in den Augen der Welt als beglaubigter Fachmann dastehender Nervenarzt und Kenner der menschlichen Natur, den Gustav Nagel zu sich in seinen Hörsaal vorführen ließ und seine medizinische Kathederweisheit vom Stapel ließ. Die diesbezügliche Zeitungsnotiz, welche Anfang November 1901 durch die Blätter ging, lautete folgendermaßen:

Gustav Nagel, 1874-1952

Gustaf Nagel, 1874-1952

 
Prof. Dr. med. Friedrich Jolly

Prof. Dr. med. Friedrich Jolly, 1844-1904

‹Der Naturmensch Gustav Nagel wurde am Montag in der Jolly’schen Klinik für Nervenkrankheiten zu Berlin den Hörern vorgestellt. Nachdem er seine Lebensgeschichte erzählt und seine bekannten Ideen zum Besten gegeben hatte, verließ er den Hörsaal. Nunmehr äußerte sich Geh. Rat Jolly über die Krankheit des Naturmenschen: Nagel leidet an Paranoia. Seine fixen Ideen sucht er durchzusetzen. Eine Schwester von ihm ist irrsinnig. Auch sie musste schon ihres Bruders Behandlungsmethode über sich ergehen lassen. Die Patienten, die am selben Leiden kranken – so z. B. auch der bekannte Maler Dieffenbach – haben, wie Prof. Jolly an Fotografien erläuterte, alle das Bestreben, ihr Bild christusähnlich zu gestalten, sich entsprechend das Haar zu kämmen und zu kleiden. Solche Kranke tragen oft eine große Eitelkeit zur Schau. So lässt sich auch Nagel beispielsweise sehr gern photographieren. Die Krankheit selbst ist ansteckend. Wärter, die solche Patienten zu beaufsichtigen hatten, dann aber auch nervenschwache Personen, sind davon befallen worden.›

Nach Jolly soll Nagel wie auch der große Künstler und Ethiker Dieffenbach an Paranoia leiden. Was Paranoia ist, wird mit den Sätzen erklärt, dass solche Kranke sich christusähnlich kleiden und die Haare kämmen, sich auch fotografieren lassen und Eitelkeit zur Schau tragen.

Ich möchte nun wissen, was Prof. Jolly über Christus, seine Jünger und die Anhänger Christi denkt.

Ist das auch paranoide Ansteckung gewesen? Oder war das Überzeugungstreue zu einer Lehre?

Es gibt eine Ansteckung des Guten und eine des Schlechten; eine gute Idee jedoch als Krankheit hinzustellen und die Verbreitung derselben mit einer Seuche zu vergleichen, kennzeichnet den moralischen Tiefpunkt der modernen Medizinlehre. Sollten wohl nicht eher die Verleumdungen über Nagel krankhafte Lügen sein, die sich wie eine Seuche verbreitet haben?

Das Urteil dieses gelehrten Medizinprofessors möchte ich einmal einer recht vernünftigen Kritik unterziehen und untersuchen, wie weit unsere deutsche Medizinwissenschaft in Bezug auf Menschenkenntnis über den Durchschnittsverstand von Millionen und aber Millionen von Menschen, die die Träger der Vernunft und Menschlichkeit sind, gestiegen oder gesunken ist. Eine besondere Anregung hierzu wurde mir gegeben durch eine Notiz in einer größeren deutschen Zeitung, die dazu aufforderte, Gustav Nagel zu Carl Huter nach Detmold zu schicken, um zu erfahren, was der wohl dazu sagen würde, und um das offenbar unbefriedigende Urteil von Prof. Jolly eventuell richtig gestellt, ergänzt oder widerlegt zu sehen.

 

Ich schrieb darauf an meinen Freund A. Bethmann in Charlottenburg, dem Leiter des Licht-Luft-Sport-Bades, Kurfürstendamm Berlin, ob er mir nicht die Fotografien und eine kurze Lebensbeschreibung von Nagel verschaffen könne. Bald nach seiner bejahenden Antwort erhielt ich dann von Nagel direkt das Gewünschte zugesandt. Auch die Redaktion der deutschen Warte, in der ich Nagels Bild einmal gesehen hatte, war auf mein Ersuchen hin so freundlich, mir Material gütigst zu übersenden.

Zunächst möchte ich unsern lieben Gustav Nagel selber reden lassen, und zwar im Bilde wie auch im Auszug aus seiner Broschüre:

Das natürliche und unnatürliche sein oder meines lebens inhalt und zil o meine mutter di einst um meines natürlichen lebens willen mich ferstis, si wurde später meine treue anhängerin und auf irem 6 wöchigen krankenlager war mein fester glaube ir ein halt ein trost und auch si wurde glaubensstark und selig schlif si in meinen armen ein, ich drükte ires leibes augen zu diweil sie öfnete die iren in dem himmelreich, ja ires leibes tot bedeutete nicht iren tot, sie lebte weiter fort, fon diesem irem weiterleben gab si bald ein zeichen uns, ongefär eine stunde nach der todesstunde wurde die mit glasscheiben ferseene tür welche das sterbezimmer abschlos in einer äußerst heftigen übernatürlichen weise erschüttert, dan am nöchsten tage als ich fon einem ausgange zurükgekert und in mein zimmer getreten war welches sich über dem zimmer befand wo di leiche aufgebart war da rif mich meine mutter, der ton kam fon dort wo die leiche stand, sofort ging ich dahin und ein großes glück wurde mir zuteil, ich fand meine mutter mit den ersten kränzen geschmükt welche wärend meiner abwesenheit eine libe freundin meiner mutter gebracht hatte, o wen den leib der toten wir in libe schmükken aus so schauen sie beglükket unser tun, wir können wol nicht seen iren geist doch sie umschweben uns, o gewis hat die kranzspende fon liebender freundeshand meine mutter hochbeglükt, sie wuste das auch mich das ser beglükt und darum rif sie mich, auch in den nächsten tagen gab sie sich mir durch rufen kund, einige wochen später als ich gerade bei schriftstellerischer arbeit size rif si abermals, der ruf kam aus einer hinterstube wohin ich sogleich ging, ich fand dort über einem stul hängend in der mitte der stube einen rok fon meiner mutter, ich durchsuche di taschen und finde einen schlüssel darin, diser schlüssel paste zu einem glasschrank und den öfnend fält mir sofort ein stos zeitungen auf aus welchem ein blat weit herforgezogen ist, das blat nemend finde ich darin einen artikel welcher zu meiner schriftstellerischen arbeit mir eine gleiche und bestätigende ansicht darbrachte, fast fon den meisten ferstorbenen freunden werden mir rufkundgebungen zuteil, so auch fon einem freiwillig aus dem leben geschidenen freunde der im leben schwer gelitten hatte, es war eine stürmische regnerische nacht, unheimlich tobte der wind im kamin, da höre ich gegen morgen bei al dem sturm ganz deutlich fon disem freunde meinen namen rufen, aber der ruf kam von oben aus der luft, das heist also nicht fon ebener erde, ich san und san was das zu bedeuten habe bis ich dan am morgen erfur das sich der betreffende freund in der nacht entleibt habe bald nach dem scheiden meiner mutter zog ich mein schild ein und gab meine heilkundige tätigkeit als beruf auf, schon längere zeit beschäftigte ich mich mit schriftstellerischer arbeit, hatte auch schon einige forträge gehalten über unsere unsterbliche sele, haben wir eine sele und was ist überhaupt sele, und über das leben des leibes in gesunden und kranken tagen, meinen beruf gab ich auf um fern fon der welt bei innigem ferker mit got im alleinsein ungestört an meinem schriftstellerischen werke tätig sein zu können, ich arbeitete dan ¾ jar lang tag und nacht fast ununterbrochen wobei wasser und brot meine hauptspeise war und wo ich sehr entberte, dreimal nam ich täglich speise zu mir und di ½ stunde nach dem essen war meine einzige freie zeit wo ich dan in den garten ging, keinen schlaf kante ich, mein ruen war ausgefült mit denken ganz, nach diesem ¾ jare stelte ich die nachtarbeit ein, o befor ich mich fon der welt zurückzog da waren meine eltern durch meine forträge und lesen meiner schriften fon der warheit und reinheit meiner ansichten überzeugt und noch am begräbnistage meiner mutter wo mein bruder mein schwager und andere ferwante über mich gewaltig zu gericht saßen, wo sie schrien hinaus mit im der ich mich in das bet gelegt hatte um nichts gemein zu haben mit solcher habgirigen toberei am stillen heiligen begräbnistage, noch an diesem tage lis mein fater nicht die bösen zungen an sich herankommen und blib fest in seiner über mich gesammelten erkenntnis welche er dadurch zum ausdruk brachte das er meinen ferwanten erklärte ‹gustaf stet bei mir in solchem anseen das jedes wort was er spricht warheit ist›, aber bald zeigte sich das felen meiner mutter, mein fater fil bald ab von der fleischlosen natürlichen lebensweise welche im wolgetan und frisches gesundes ausseen gegeben hatte, welche im neuen lebensmut gegeben hatte sodas er sich entschlos noch ein neues haus zu bauen, und er stimte mit ein in das schmägericht das di menge über mich erhob, er sagte das ich tue nichts diweil er sa das ich tag und nacht arbeitete, eine schwer zeit brach wider an für mich, was mein fater erst für gut anerkant hatte das ferleugnete er wider, mit klopfendem herzen setze ich mich ans klawir um zu schöpfen den gesang, den nicht selten schimfte er darüber und oft ferschlos er das klawir, immer wider drte er das er mich aus dem hause jagen werde was er auch in der tat im juli 1898 zum ausdruk brachte, ich arbeitete damals an dem musterbau eines gotteshauses wie ich es später in gros zu errichten gedenke und eben hatte ich den letzten balken eingefügt da komt mein fater und weist mich aus seinem hause, ich wonte im stalle in der waschküche und selbst disen raum hatte er nicht übrig für mich, dan schrib er an meine schwester das mich nimand aufnehmen solte, so ganz mich gottes fürung überlassend ging ich in den wald, grub dort in die erde eine hölung worin ich ausgestrekt ligen konte und dekte diselbe mit reisern und mos zu, dis war aber nur ein ganz flüchtiger bau, welcher schon in den nächsten tagen fon anhaltendem regen einstürzte, der anhaltende regen zwang mich in des fater haus zurük zu keren, aber seine tür war ferschlossen und auf klopfen und rufen antwortete er nicht, hinaus tribs mich dan wider, lange stand ich betrübt im regen da, an manche tür klopfte ich doch man wolte nichts mit mri zu tun haben, noch einmal wante ich mich zum fater und dismal angesichts des gißenden regens erbarmte er sich, aber nur mit der bedingung das ich sobald der regen nachläst wider gee, er schmäte gar sehr und am nächsten morgen wolt er mir gewaltsam meine weiße kleidung nemen, alberne frauen hatten im solches eingeredet mit der bemerkung, das ich doch dan nakkend auf die straße müste wo dan gewis di polizei mich in emfang nemen würde, bald kam er auch mit einem barbir der mir mein har abschneiden solte, letzterer redete mich an als sei ein wansinniger ich, doch wagte er nicht mich anzufassen, wärend dann mein fater ging um hülfe zu meiner fesselung zu holen ergrif ich di flucht und kerte in den wald zurük, man hatte aber schon meinen dortigen aufenthalt bemerkt und mit knütteln bewafnet sa ich fon einem anderen punkte aus eine schar zur hütte zien wofon ich lauschend vernemen konte das sie gewalt mir wolten tun, ich ergrif abermals die flucht, lenkte meine schritte zu meinen ferwanten in einem nachbardorfe um nur erst einmal für di nacht schuz vor regen zu haben und meinen großen hunger zu stillen den seit tagen hatte ich nichts gegessen, unterwegs sammelte ich pilze um sie dort bereiten zu lassen, aber dort angekommen warf meine base diselben sofort in den schmuz, wi könte ich so etwas essen sagte si, wen ich esse was sie essen könte ich bei inen bleiben, also weiter ging es am anderen morgen dan, got fürte mich zur hüte zurük ich fand wärend der nacht aufname bei einer familie neumann in der scheune und fing am nächsten morgen an tüchtig zu bauen eine neue hütte, gegen neun ur abends hatte ich die ausgrabungen und das dachgerüst fertig, eben war die sonne im scheiden begriffen und freudig bewundere ich deren pracht und mein werk das schon so weit gelungen war, welch eine freude für mich obdachlosen endlich ein sicher schüzendes obdach zu haben, o kaum habe ich dise freude ganz emfunden, da taucht auch schon auf die polizei, kein bitten und fleen half, ich muste den ort verlassen wo ich ru zu finden hoft, in libe namen mich neumanns wider auf, dis war freitags, am sonabend schrib ich an den bürgermeister fon arendse das man mich doch bauen lassen möchte, am sontag holte ich die erlaubnis ein um fon einer abgefarenen stromite das ligen geblibene stro zum dach ferwenden zu können und am montag frü fing ich wider tüchtig an weiter zu bauen, di polizei hatte freilich droend gesagt das si mich nicht auf demselben plaze oder wo anders ligend finde, ich würde dan sofort verhaftet werden, o wer hat ein eigen schüzend heim der kan getrost auch andeswo im freien ruen aus, doch ich der ich verstoßen war und obdachlos war ganz solt ja nicht untersteen mich zulegen mich wo anders hin, o in gleicher weise erfült auch das mein herz mit schmerz so ser wenn ich an häusern oder am tore eines ortes lese das betteln streng ferboten ist, o wo ist geblieben die libe die wir betätigen sollen allerorts und allezeit, o in wessen oren tönet wider noch das wort ‹was ir getan habt einem meiner geringsten brüder das habt ir mir getan›, o stat dessen tauchet allerorts die warnung und zur bekräftigung der warnung auf die polizei, o se ich einen bruder mit helm und degen tauchen auf so zukt mein herz so schmerzhaft ser, ferfolgt man mich doch auch so ser und innig libe ich di brüder und schwestern di man in das gefängnis und oft gefesselt wirft, ‹ich bin der richter so spricht got der her, o richtet nicht damit ir nicht wider gerichtet werdet›, also am montag abend war meine hütte gedekt und innen mit weißem leinen ausgelegt, als dan am nächsten tag der aufseer des tannen­planes kam sagte er nichts mer, 4 wochen wonte ich dann in gottes freier herlicher natur, o wer erst einmal hat genossen das leben der natürlichkeit so ganz in der natur, wer tag und nacht fon frischer wald und wisenluft gekoset ward, o wer die himmelsbilder tag und nacht in irer pracht geschauet hat, dazu das zauberhafte so geheimnisfolle wen des waldes in der nacht, o den zits immer wider zum wald o zu dem walde hin,

 

So, das ist ein Einblick in das Geistesleben von Gustav Nagel. Nun zu seinem neuesten Brustbild und an der Hand desselben zur psychophysiognomischen Kritik.

Gustav Nagel liegt im harmonischen Naturell, das heißt, die drei Grundprinzipien des Lebens mit ihren physischen Apparaten, Ernährung, Bewegung, Empfindung, sind in einem harmonischen Gleichgewicht. Solche Menschen eignen sich zur Durchführung großer Ideen und Volksbewegungen und sind im praktischen Leben vorzüglich geeignet, in leitenden Stellungen segensreich zu wirken.

Der Körper von Gustav Nagel ist im allgemeinen normal, mit Ausnahme der Arme, diese sind zu dünn und zu schwach, weshalb Nagel absolut nicht für anhaltende physische Armarbeit geschaffen ist.

In der zarten Form der Arme und Beine spricht sich im harmonischen Naturell doch das Vorherrschen des Empfindungslebens aus. Nagel ist also eine feine empfindsame Natur. Wunderschön ist bei ihm der Hals und die Brust gebaut; er hat eine ausgezeichnet schöne, gesunde Haut. Gerade diesem Organe verdankt er auch seine Fähigkeit der außergewöhnlichen Abhärtung.

Nagels Ohr spricht die Fähigkeit zur Entsagung von physischen Genüssen und zum Ertragen von Leiden und Entbehrungen aus.

Sein Haar ist schön, voll und lang gewachsen, wie es bei jedermann sein sollte; sein Auge ist rein im Blick, zeigt Sanftmut, Wahrheitsliebe und viele schöne Tugenden in religiöser Hinsicht.

Die Augenbrauen und die Partie zwischen den Augen verraten Befleißigung in der Enthaltsamkeit und Tugendübung.

Die kräftige harte Nase zeigt unbedingte Durchsetzung seines Willens, seiner Idee, was von dem prägnant vortretenden Kinn kräftig unterstützt wird.

Der Mund ist rein und zeigt feine Gefühle, besonders kennzeichnet dieses die schwache Unter- und stärkere Oberlippe und der schöne Schnitt der Lippen.

Das ganze Gesicht verrät die Fähigkeit, tragische Lebensgeschicke mit Geduld und Ausdauer durchzukämpfen. Nagel findet sein Glück in der Gottseligkeit, in der Poesie von einer höheren, überirdischen Welt.

Die Stirn Nagels verrät gute Naturbeobachtung, doch schwache Denkkräfte, reiches Wohlwollen für seine Mitmenschen, aber das Auge verrät auch starke Eitelkeit in Bezug auf seine Persönlichkeit.

Nagel ist unfähig, ein großes philosophisches System zu schaffen, aber er ist ein schlichter Ethiker, der mindestens Wertschätzung verdient. Er ist originell und eigenartig. Er ist ein Bahnbrecher in körperlicher Abhärtung und vereinfachter Lebensweise, ein Mensch, der ein edles Innenleben pflegt und durchaus nicht geisteskrank ist. Sein Denken und Empfinden hat allerdings etwas Monotones, Christusähnliches, – dazu ist es vielleicht deswegen gekommen, weil Nagel beobachtet hat, dass Massenmörder mit Denksteinen geehrt, die Mordbrenner in Südafrika mit Orden behängt und die, welche Natürlichkeit und Bravheit anstreben, als verrückt erklärt werden und kaum eine Ruhstatt in freier Natur finden können.

O unmenschliches Jahrhundert, wann kommt eine Wendung zum Besseren?»

In seinem Hauptwerk «Menschenkenntnis», also etwa zwei Jahre später, schrieb Carl Huter im Zusammenhang mit Gustav Nagel:

«Um einen interessanten Menschen verstehen zu lernen, muss man sich bemühen, ihn objektiv zu beurteilen; in der Regel fallen die meisten Menschen zu ihrem eigenen Nachteil in den Fehler, etwas Eigenartiges oder Auffallendes ohne eigentlichen Grund herunterzureißen.

In der Welt werden oft Dinge geschmäht und beschimpft, die an sich guter, harmloser Natur sind.

So ist es auch Gustav Nagel ergangen.

Ich will mich daher bemühen, von Nagel ein objektives Bild zu geben (...)

Nagel wird weder durch Tadel noch durch Strafe von seinem Lebenswandel abzubringen sein, weil er sich berechtigt dazu glaubt und weil er auch annimmt, das natürliche Leben sei das einzig gottgefällige und erlaubte. Darum kann man Nagel auch nicht böse sein.

Gegen die subjektiven Anschauungen Nagels lässt sich nichts einwenden; ob dieselben sich mit unserer an nordisches Klima angepassten Lebensordnung vertragen, ist ja seine Sache.

Nagel tut niemandem wehe, den er nicht beherrscht; und wer möchte sich von Nagel beherrschen lassen?

Menschen vom Schlage Nagels in großer Zahl gedacht würden einem modernen Staat ein merkwürdiges Gepräge geben. Ein solcher Staat würde kaum konkurrenzfähig unter anderen Staaten bleiben, weder wirtschaftlich noch politisch, weder wissenschaftlich noch technisch, weder militärisch noch juristisch.

Nagel mag als ein Bahnbrecher körperlicher Abhärtung, er mag auch in seinem Wohlwollen, in seiner Milde als braver Mensch gelten, ein Mustermensch ist er ebensowenig, wie es viele andere Schwärmer und Religiöse gewesen sind.»

Carl Huter lehnte es entschieden ab, dass man Nagel als psychiatrischen Fall behandelt. Er lehnte sich dagegen auf, dass etwas eigenartige, ungewöhnliche, originelle oder irgendwie auffallende Menschen heruntergemacht, diffamiert und benachteiligt werden. Er empfahl, diese Menschen zu studieren, um auch ihnen gerecht zu werden und um von ihnen zu lernen. Das ist die Huter’sche oder physiognomische Toleranz und Menschenfreundlichkeit.

Nagel hatte sich ab 1933 eingesetzt gegen die Judenverfolgung und später gegen den Krieg. 1943 kam er ins Konzentrationslager Dachau, dann bis 1945 in die Nervenheilanstalt Uchtspringe.

Copyright by Fritz Aerni, Carl-Huter-Verlag Zürich, 2008.