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Psychophysiognomik und Kallisophie

J. C. LavaterTabellarische Biographie

von Johann Caspar Lavater (1741-1801)

Die bedeutendste Würdigung von Person, Werk und Wirkung Lavaters veröffentlichte Carl Huter in seinem Hauptwerk «Menschenkenntnis».

Eine fundierte, jedoch längst vergriffene Biographie schrieb Mary Lavater-Sloman («Genie des Herzens»).

Das Hauptwerk Lavaters («Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe») erschien 1996 in bearbeiteter Neuauflage im Carl-Huter-Verlag Zürich.

1741

Am 15. November wird Johann Caspar Lavater als zwölftes Kindes des Arztes Hans Heinrich Lavater und der Regula, geb. Escher, im Haus zum Waldris in Zürich geboren. Das Haus Zum Waldris steht an der heutigen Spiegelgasse 11.

1746

Am 12. Januar wird Johann Heinrich Pestalozzi, ebenfalls in Zürich, geboren. Er kommt bald in ein lebenslanges freundschaftliches Verhältnis zu Lavater, der ihn verschiedentlich fördert. Umgekehrt legte Pestalozzi seiner Erziehungskunst die Physiognomik zugrunde.

1747

Eintritt Lavaters in die Deutsche Schule; anschließend im Collegium Humanitatis, dann im Collegium Carolinum bei den Professoren Breitinger und Bodmer.

1761-1762

Lavater und Johann Heinrich Füßli, ein Jugendfreund von Lavater, zeichnen ihre Freunde. Erste physiognomische Beobachtungen.

1762

Abschluss der theologischen Studien. Pfarramtsanwärter, später Diakon und Pfarrer in Zürich. Beginn des Kampfes gegen Landvogt Felix Grebel, den Schwiegersohn des sehr geachteten Bürgermeisters Leu. Felix Grebel hatte sich als Landvogt Erpressungen, Betrügereien, Unterschlagungen und andere schwere Vergehen zuschulden kommen lassen. Trotzdem lebte der Mann nach Ablauf seiner Amtszeit unangefochten und in allen öffentlichen Ehren in seiner Vaterstadt Zürich. Lavater unternahm es unter Mithilfe von Füßli, den ungerechten Landvogt seiner gerechten Bestrafung zuzuführen. Am 27. August 1762 sandte er ein Schreiben an Grebel, das so begann: «Mit Zittern ergreif' ich die Feder, an Dich zu schreiben, Tyrann, Bösewicht, Heuchler, Ungerechtester aller Richter, Gottesspötter, Meineidiger, Dich zur Gutmachung der Ungerechtigkeit, die noch möglich ist, aufzufordern.» Er setzte ihm eine Frist von zwei Monaten und drohte ihm, sollte er diese Frist ungenutzt verstreichen lassen, dass er «mit der äußersten Schande gebrandmarkt ein Opfer der Gerechtigkeit werden» würde. Grebel tat nichts. Lavater verfasste daraufhin eine Flugschrift, die er heimlich drucken ließ. Zusammen mit Füßli verteilte er sie am 29. November 1762 im Dunkel der Nacht an die wichtigsten Regierungsmitglieder. Von diesen wurde eine Untersuchung gegen Grebel eingeleitet, worauf dieser ins Ausland floh. Es erging gegen ihn der Urteilsspruch, dass er auf Lebenszeit aus der Eidgenossenschaft verbannt sei und alles unrechtmäßig angeeignete Gut samt Bußen zu bezahlen habe. Lavater und Füßli aber wurden aufgefordert wegen der Anwendung «der Verfassung unseres Staates zuwiderlaufenden Mitteln» vor dem Rat Abbitte zu tun.

1763

Bildungsreise mit Füßli und Felix Hess. Besuche bei J. J. Spalding in Pommern und bei Ch. F. Gellert (1715-1769)in Leipzig.

1765-1768

Lavater veröffentlichte in kurzer Folge die «Aussichten in die Ewigkeit» (mit physiognomischem Abschnitt), Psalmenübersetzungen und die «Schweizerlieder».

1766

Heirat mit Anna Schinz.

1771

Ohne sein Wissen wurde das Werk «Geheimes Tagebuch von einem Beobachter seiner selbst» in Leipzig veröffentlicht und erregte großes Aufsehen.

1772-1780

Briefwechsel mit Johann Gottfried Herder (1744-1803).Herder über Lavater: «Ich las seine ‹Aussichten in die Ewigkeit› und einige andere Sachen, die mich äußerst aufmerksam auf einen Menschen machten, der nach Klopstock vielleicht das größte Genie von Deutschland ist, der jede alte und neue Wahrheit mit einer Anschauung erfasset, die selbst alle seine Schwärmereien übersehen lässt, und in alles, wo er auch wähnt und schwärmt, eine Wahrheit des Herzens legt, die mich bezauberte.»

1773-1792

Briefwechsel und Freundschaft mit J. W. v. Goethe (1749-1832). Die Erkaltung der Freundschaft erfolgte wegen des religiösen Eifers Lavaters. Goethe hat in «Dichtung und Wahrheit» wohl keiner anderen Person so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie Lavater. Er schrieb u.a.: «Manche Epoche meines bisherigen Lebens war ich veranlasst, über diesen Mann zu denken, welcher unter die Vorzüglichsten gehört, mit denen ich zu einem so vertrauten Verhältnis gelangte.» Goethe blieb zeitlebens ein physiognomisch sehender und denkender Mensch, worüber sein Werk, besonders auch das Alterswerk, und seine Briefe beredtes Zeugnis ablegen.

1774

Reise nach Bad Ems (mit Goethe und Basedow): «Seine Fahrt glich einem Triumphzug; an den fürstlichen Höfen, namentlich in Karlsruhe, wurde er mit Achtung und Auszeichnung aufgenommen, von den christlich Frommen im Volke mit Entzücken begrüßt, von allen Redlichen mit herzlicher Verehrung empfangen.» (F. Muncker)

1775-1778

1775 erscheint der erste Band der «Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe». Das Werk erhielt bis 1778 vier Bände. Dieses eigentliche Hauptwerk Lavaters erregte in ganz Europa großes Aufsehen; es fand begeisterte Zustimmung, aber auch gehässige Ablehnung. Noch heute werden Adolf von Knigge, Musäus und vor allem G. Ch. Lichtenberg noch gerne zitiert, um gegen die Physiognomik und gegen Lavater Emotionen zu wecken und eine sachliche Auseinandersetzung zu hemmen. Lavater befasst sich während des ganzen weiteren Lebens ununterbrochen mit Physiognomik. Das Werk wurde in den folgenden Jahren, teils durch Lavater überarbeitet, teils durch andere bearbeitet in mehrere Sprachen übersetzt.

1777

Am 26. Juli 1777 fand eine Unterredung mit Kaiser Joseph II. in Waldshut statt, wo der Kaiser auf der Rückreise von einem Besuch seiner Schwester Marie Antoinette in Paris Aufenthalt hatte. Lavater war aufgefordert worden, sich ebenfalls dort einzufinden. Der Kern und Hauptteil des Gespräches war der Physiognomik gewidmet.

1779-1790

Lavater veröffentlicht Gedichte, Reden, Predigten und mehrere religiöse und Erbauungsschriften, so 1780 «Zweihundert christliche Lieder», 1780 «Jesus Messias oder die Zukunft des Herrn», 1784 «Herzenserleichterung» und 1786 «Nathanael oder die ebenso gewisse als unerweisliche Göttlichkeit des Christentums».

1785

Lavater begann, sich mit der Lehre vom animalischen Magnetismus von Franz Anton Messmer auseinanderzusetzen.

1788

«Vermischte unphysiognomische Regeln zur Selbst- und Menschenkenntnis»

1789-1791

Lavater schreibt 1791 das die französische Revolution feiernde «Lied eines Schweizers über die französische Revolution» und im Oktober 1792 die dieses Lied widerrufende Parodie. Lavater wurde durch die 1789 ausgebrochene französische Revolution stark ergriffen. Er kannte wegen der französischen Übersetzung seiner «Physiognomischen Fragmente» gerade auch Persönlichkeiten, die in das Revolutionsgeschehen verstrickt waren, so den Girondisten und Minister Roland de la Platière, den Freund Dantons Hérault de Séchelles, den Royalisten Rolland de Chambaudoin und den Freund Mirabeaus Johann Caspar Schweizer-Hess. Über die französische Revolution schreibt er 1790: «Der lehrt noch nicht lieben, mein Lieber, der einen Schüler deklinieren lehrt: Ich liebe, du liebst, er liebt, wir lieben, ihr liebet, sie lieben. Der lehrt eine Nation noch nicht frei sein, der sie deklinieren lehrt: ich bin frei, du bist frei, er ist frei, wir sind frei, ihr seid frei, alle sind frei. Dies ist für einmal, was ich von der großen Revolution in Frankreich sagen kann. Wer wollte nicht aller Welt die möglichste Freiheit gönnen, Erlösung von allem Druck des Despotismus, Sicherheit der Güter, der Ehre, des Lebens, des Eigentums. Wirkt dies die Nationalversammlung, ohne gegen diese Sicherheit der Ehre, der Güter, des Lebens, der Freiheit, des Eigentums unzähliger Menschen zu agieren, ich werde sie als eine Wundererscheinung, als das Non plus ultra menschlicher Unternehmungskunst verehren. Unzähliges und unzerstörbares Gutes wird gewiss durch diese Revolution gewirkt werden, das hoff' ich, glaub' ich und wünsch' ich nicht nur. Aber noch sind wir völlig im Dunkeln, und in der Unfähigkeit, ein gedenkbares Ende abzusehen, und jedes Vorurteil, wie es sich endigen werden, scheint mir jetzt (...) noch Vermessenheit zu sein.»

1792

Nachdem im August 1792 der Justizminister Danton die Macht an sich gerissen hatte füllten sich die Kerker mit Adligen und Priestern, und schon kurz darauf begannen massenweise Hinrichtung. Das Königtum wurde abgeschafft und der König wurde mit seiner Familie gefangengesetzt. Bald darauf wurde der König hingerichtet. An eine Bekannte in Paris (an die Frau des bald darauf hingerichteten Danton-Freundes Hérault de Séchelles) schrieb er zu dieser Zeit: «O, wenn ich, ich schwaches Individuum, vor dem Nationalkonvent erscheinen könnte, um im Namen des menschlichen Geschlechtes zu bitten, ich würde ihnen sagen: höret nicht auf, menschlich zu sein, während ihr so laut die Menschenrechte verkündet; werdet nicht Tyrannen, während ihr so tut, als ob ihr die Tyrannei zerstörtet.»

1793

Reise nach Kopenhagen. Hin- und Rückreise nutzte er zur Pflege alter und neuer Freundschaften, so besuchte er auf dieser Reise Friedrich v. Schiller.

1794

Lavater wird zunehmend kränklicher. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), der 1793 das (zuerst als Werk Kants angesehene) Werk «Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft» veröffentlichte und daraufhin Professor in Jena wurde, hielt 1794 in der Wohnung Lavaters vor einigen Freunden ein Collegium über die kritische Philosophie.

1795-1797

Die Revolutionswirren griffen nach und nach auch auf Zürich über, wobei es gefährliche Polarisierungen gab. Lavater versuchte während dieser Zeit in mutiger Weise alles, um zu mäßigen und Blutvergießen zu vermeiden. Johann Heinrich Pestalozzi schloss sich seinem Bemühen, die Freiheitsbewegung in friedliche Bahnen zu lenken und eine blutige Revolution zu vermeiden an und unterstützte ihn. Lavater wendet das Todesurteil gegen den Führer der aufständischen Landbevölkerung, Bodmer, ab. Bodmer wurde in der späteren Helvetischen Republik Senator. Lavaters Ermahnungen zur Mäßigung und Freundschaftlichkeit, die er sowohl an die Obrigkeit wie auch an das Volk richtet, werden zwar gehört, jedoch nicht befolgt.

1798

Seit März 1798 regierten die Franzosen in der Schweiz und zwangen ihr eine einheitliche Verfassung auf. Zürich wurde in die «Helvetische Republik» integriert. Angeführt von General Schauenburg rückten im April 1798 französische Truppen, die die widersetzliche Innerschweiz niederzuwerfen hatten, in Zürich ein. Der Schweiz wurde außerdem eine sehr hohe Kontribution (Zahlungspflicht) auferlegt. Lavater wandte sich in dieser schwierigen Lage direkt an denjenigen, der von Paris aus durch Napoleons Gnaden die Fäden in Händen hielt, an den «Bürger Direktor» Reubel, mit dem Schreiben «Wort eines freien Schweizers an die große Nation». Gegen Lavaters Willen wurde dieses Schreiben gedruckt verbreitet und gelangte in die Hände von General Schauenburg, worauf eine Untersuchung gegen Lavater eingeleitet wurde. Die Angelegenheit hatte keine weiteren Folgen für Lavater, außer dass er in Zukunft schweigen solle. Das tat er jedoch nicht. In einem Brief an ein Mitglied der neuen helvetischen Regierung in Aarau schrieb er: «Terrorismus ist das unverkennbare Siegel innerer Schwäche; eine Zeitlang kann er sich halten und imponieren, in die Länge geht's nicht; siehe Cromwells und Robespierres Geschichte; werde unsere Regierung doch nicht der dritte Band dieser Geschichte!»

1799

Im Mai 1799 wurde Lavater wegen dem Inhalt eines privaten Briefes, der in die Hände der Helvetischen Polizei gefallen und dem Helvetischen Direktorium (der Regierung) übergeben worden war, verhaftet und nach Basel deportiert. Er wurde verhört und im Juni wieder auf freien Fuß gesetzt. Wegen der militärischen Wirren gelang ihm die Rückreise erst im August 1799 über Waldshut. Am 26. September 1799 wurde Lavater von einem französischen Soldaten angeschossen. Die Kugel war im Körper Lavaters stecken geblieben. «Nachricht von einem fatalen Vorfall, den Pfarrer Lavater betreffend, von diesem diktiert am 29. September 1799».

1801

Nach einer langen Leidenszeit starb Lavater an den Folgen dieser Schussverletzung am 2. Januar 1801. Heute hat eine breitere Öffentlichkeit vor allem am physiognomischen Werk Lavaters Interesse. Das theologische, literarische und politische Wirken Lavaters bildet mehr den Hintergrund und Rahmen für sein physiognomisches Werk.